Interview mit Prof. Dr. Rainer Guski, Leiter der NORAH-Studie

NORAH-Wissen: Man wird viel über die NORAH-Studie diskutieren. Wenn Sie es sich aussuchen könnten: Worüber sollten die Menschen sprechen?


Rainer Guski: Natürlich über die Ergebnisse! Einige haben uns weniger überrascht, zum Beispiel die hohe Belästigungswirkung von Fluglärm. Andere schon, etwa der starke Zusammenhang zwischen Lärm und Depression. Auch den negativen Einfluss von Fluglärm auf das Lesenlernen bei Kindern hatten wir in dieser Klarheit nicht erwartet. Umgekehrt sehen wir, dass es beim Blutdruck, wo wir von einem klaren Effekt ausgegangen waren, nur einen tendenziellen Zusammenhang zum Lärm gibt. Darüber können wir jetzt diskutieren.


Was sind aus Ihrer Sicht zentrale Erkenntnisse?


Es gibt in allen Teilstudien wichtige Erkenntnisse. Zentral sind für mich die Belästigungsergebnisse. Wir dachten ursprünglich: Frankfurt ist ein Änderungsflughafen, da sieht die Belästigung ganz anders aus als an Flughäfen, die nicht ausgebaut werden. Das stimmt aber offenbar nicht: Die Belästigung liegt auch in Köln und Stuttgart viel höher  als noch vor zehn Jahren. Die sogenannten Fluglärm-Standardkurven der EU sind also veraltet. Eine zweite Erkenntnis ist für mich, dass wir die Debatte um Lärm und Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht mehr so führen können wie bisher. Vor NORAH sind alle davon ausgegangen, dass die Risiken mit dem Lärmpegel deutlich zunehmen, weil das so in der Literatur steht – obwohl das auch damals nie so eindeutig war, wenn man genauer hinschaut. Jetzt sehen wir, dass die Herz-Kreislauf-Effekte kleiner sind als berichtet. Gleichzeitig tritt ein Aspekt hervor, der vorher kaum untersucht wurde: die Depression. Beides wird in der wissenschaftlichen Diskussion eine Rolle spielen, da bin ich sicher.


Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Belästigung durch Fluglärm nicht nur in Frankfurt ansteigt, sondern auch an anderen Flughäfen?


Es könnte sein, dass der Dauerschallpegel nicht mehr das richtige Maß ist, um Fluglärmwirkungen vorherzusagen. An fast allen deutschen Verkehrsflughäfen ist der Gesamt-Dauerschallpegel in der Umgebung leicht gesunken, die Zahl der Flugbewegungen aber gestiegen. Das scheint der Dauerschallpegel nicht richtig zu berücksichtigen.


Muss man die verschiedenen Verkehrslärmarten nach NORAH neu bewerten?


Ja, zumindest den Flug- und Schienenverkehrslärm. Letzterer erscheint heute nicht mehr so harmlos: Wir haben beim Schienenlärm die höchsten Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gefunden. Und die Belästigungskurve entspricht nicht der EU-Standardkurve. Das deckt sich übrigens mit den Ergebnissen der Schienenlärm-Studien im Mittelrheintal. Beim Fluglärm ist die Belästigung in den letzten Jahren angestiegen. Beide EU-Standardkurven müssen also überarbeitet werden. NORAH bietet dafür eine gute Grundlage. Beim Straßenlärm haben wir nicht so klare Hinweise, aber es gibt relativ wenige Untersuchungen, die für eine Änderung sprechen.


Empfinden Sie die Ergebnisse eher als beruhigend oder beunruhigend?


Weder noch. Die Wirkung des Lärms hat sich verlagert, sie ist nicht „besser“ oder „schlechter“ geworden. Herz-Kreislauf-Risiken, die auch in der Region intensiv diskutiert werden, sehe ich nicht mehr als so extrem gefährlich an, jedenfalls bezogen auf Fluglärm. Insgesamt haben sich die Risiken von Fluglärm verlagert und zwar von den körperlichen Wirkungen hin zu mehr psychischen, also insbesondere Depression.


Was bedeutet das für Anwohner?


Vielleicht könnte man es so sagen: Ich muss weniger Angst vor einem Herzinfarkt haben. Aber ich sollte mir darüber klar sein, dass Fluglärm eine starke psychische Belastung darstellt. Vor allem wenn ich psychisch empfindlich bin, kann es schädlich für mich sein, in der Nähe des Flughafens zu wohnen.



Weitere Informationen zu den Ergebnissen der NORAH-Studie finden Sie in NORAH Wissen 14.

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